Die Nachricht ließ nicht nur Fans aufhorchen: Anlässlich des Finales von MINDENergie+ am 10. September im Rahmen der NRW-City Offensive „Ab in die Mitte“ erfährt das abwechslungsreiche Programm einen besonderen Höhepunkt. Der aus Minden stammende, international bekannte Rapper Curse wird erstmals in Minden auf dem Marktplatz auftreten. Die zweite Gute Nachricht: Der Auftritt darf wie das gesamte Programm des Finalabends umsonst genossen werden. Dass nicht nur Hip Hop Fans dem Auftritt mit Spannung entgegen sehen dürfen untermauerte Curse in einer Pressekonferenz am Sonntag in den Räumen der Minden Marketing GmbH.
Der erste Eindruck für die anwesenden Pressevertreter war durch Warten gekennzeichnet. Doch nicht dramaturgisches Kalkül, sondern ein äußerst enger Zeitplan war die Ursache. Trotz der im Endstadium befindlichen Produktion seines neuen Albums schaufelte Curse sich extra einen Nachmittag in seinem engen Terminplan frei, um auf die Fragen der Medienvertreter seiner Heimatstadt zu antworten. Hierbei präsentierte sich Curse als sympathischer und engagierter Musiker, der nicht ganz ohne Nervosität dem 10. September entgegen sieht.
Neues Album
Ein neues Album ist immer ein kleiner Meilenstein in der Entwicklung eines Musikers. Das gilt für Curse genauso wie für jeden anderen Musiker. Entsprechend begeistert berichtete er von den abschließenden Arbeiten. Der sowieso grundsätzlich vorhandene Termindruck werde in diesem Fall noch durch eine Besonderheit erschwert, konnte Curse berichten. Eine eventuelle Teilnahme an Stefan Raabs Eurovision Song Contest - mögliches Sprungbrett für den Grand Prix d’Eurovision de la Chanson - erfordere die Fertigstellung eines Songs bis zum Montag. Doch nicht nur dafür, sondern auch für die kommende Single-Veröffentlichung sei Last-Minute-Arbeit erforderlich. Zwar weiß auch Curse, dass die kommerzielle Bedeutung einer Single rückläufig ist, in Kombination mit dem entsprechenden Video ist sie nach wie vor aber wichtiges Mittel, um mediale Präsenz zu erzielen. Doch Curse ist bei allem Kalkül auch bewusst Träumer geblieben. Ein möglicher Single-Hit sei zwar nicht alleiniger Motor für ihn, so aber doch ein Traum, denn er ganz nebenbei gerne im Auge behalte.
Mitten aus dem Produktionsprozess gerissen, war es unübersehbar, wie sehr sich Curse auf seine neue Veröffentlichung freut. Doch während andere Künstler sich oftmals in Geheimniskrämerei üben, kündigte er freizügige Verwendung mit dem neuen Material an. So dürfen sich die Mindener und alle zu gereisten Fans auf ein Programm freuen, das vor allem neue Songs enthalten wird. Premiere in Minden. Das wird dem Auftritt zusätzlich Spannung bescheren.
Doch die große Frage hierbei: In welche Richtung werden diese Songs gehen? Schon auf seinem letzten Album bewies Curse, dass er musikalische Limitierungen nicht akzeptiert. Schon seine amerikanischen Rap-Vorbilder bewiesen eine Offenheit gegenüber schwarzen Soul- und Jazz-Musikern der 70er wie Curtis Mayfield oder Marvin Gaye und auch für ihn sei diese Offenheit von großer Bedeutung. So werden sich die Fans auf ungewöhnliche Streicherarrangements und andere überraschende Stilmittel freuen dürfen.
Auch textlich sind Curse Limitierungen offensichtlich fremd. So sehr er auch die harte Form des Gangsta-Rap genießen kann: bei der Verwendung von Worten geht Curse andere Wege. Verherrlichung von Gewalt wird man bei ihm vergeblich suchen, den moralischen Zeigefinger aber auch. Er bevorzugt Geschichten, die durch Authentizität überzeugen. Wenn sich darin die eine oder andere Moral verbirgt, so ist das letztendlich immer eine Frage der Rezeption. Wer hören mag, darf hören, wer sich nur von den Beats treiben lassen will, darf sich darauf beschränken.
Gangsta und der andere Weg
Und doch glaubt Curse, dass er sich im derzeitigen kommerziellen Feld des Hip-Hop auf besonderem Terrain bewegt. Zwischen dem fröhlichen Hip-Hop auf der einen Seite und harten Gangsta-Rappern wie Aggro aus Berlin auf der anderen gäbe es derzeit in Deutschland wenig Alternativen. Auch wenn er beides grundsätzlich akzeptiere, so suche er bewusst die Freiräume, die sich dazwischen ergeben: „Ich habe nichts gegen Gangsta-Rap, im Gegenteil, ich liebe ihn, jeder soll die Art von Musik machen, die er will. Trotzdem glaube ich, dass darin Gewalt zu sehr glorifiziert wird und dass ich vor allem diejenigen erreichen kann, die sich nicht hinstellen und sagen, ich habe scheiße gebaut und wie cool bin ich denn, sondern diejenigen die Scheiße gebaut haben und dann darüber nachdenken. Ich sage niemandem, was er nicht darf, sondern versuche einfach, ihm zu zeigen, wie es anders geht.“
Textlich mit einer kleinen versteckten Moral ausgestattet, sieht er den Grund für seine Akzeptanz in der Szene vor allem darin, dass er den Zeigefinger in der Hosentasche lässt und er statt dessen mit hartem Beat beweist, dass er es genauso drauf hat, wie die vermeintlich besonders harten Vertreter der Gangsta-Schiene.
Mobiles „Songwriting“
Doch wie entstehen neue Songs? Der alten Vorstellung von Lagerfeueratmosphäre erteilt er eine klare Absage. Allein aufgrund der räumlichen Trennung zwischen ihm und seinen Produzenten sei dies ein nicht gangbarer Weg. Da er seinen Schwerpunkt im textlichen Bereich sieht, lässt er sich zunächst nur zu gern von seinen Produzenten inspirieren. Meist wären es besondere Beats, die ihn inspirieren würden. Seine Textideen gingen dann wiederum zurück und erst dann würden die Emotionen, die sich aus seinen Texten ergeben in einem Arrangement umgesetzt. Alles in allem ein sehr variabler und vor allem mobiler Prozess, der eine kontinuierliche Weiterentwicklung an jedem Ort ermöglicht: „Wenn mir etwas einfällt, schicke ich meine Ideen per E-Mail als MP3 an meine Partner. Am Ende entscheidet der Song, welche Instrumentierung und welches Arrangement verwendet werden.“
Alles vorbereitet für das Heimspiel
Auch wenn die Arbeit an seinem neuen Album die letzten Wochen in seinem Leben beherrscht hat: der Auftritt in Minden erzeugt bei ihm eine positive Nervosität: „Natürlich habe ich gemischte Gefühle. Ich freue mich wahnsinnig auf den Auftritt, vor allem weil es umsonst ist, das ist das Allerbeste. Trotzdem habe ich eine Art von Lampenfieber, da ich weiß, dass der Prophet im eigenen Lande manchmal weniger gilt.“ Doch Curse kann überzeugend untermauern, dass er bestens gerüstet ist. So wird er in Minden sein neues Live-Konzept vorstellen, das nicht nur optisch neu aufgestellt ist. Auch die neue Besetzung verspricht Spannung. Neben einem DJ werden ein Bassist, ein Schlagzeuger und zwei Percussionisten sicher eine Menge Druck erzeugen.
Seine Verbundenheit zur Heimat wird sich auch auf der Bühne zeigen. Zu den Special Guests werden mit Sicherheit seine Mitstreiter aus dem gemeinsamen Projekt „Weser Allstars“ Italo Reno & Germany, sowie Stress & Trauma zählen. Weiteren Gerüchten erteilt er aber eine klare Absage: „Xavier Naidoo wird definitiv nicht dabei sein. Wenn andere, denen ich von dem Auftritt erzählt habe, kommen wäre das schön, aber ich denke wir bekommen auch alleine eine gute Show hin“, antwortet Curse mit einem Augenzwinkern.
Dass Curse seine Heimat nicht vergessen hat, beweist nicht nur die Einladung an seine Freunde. Das Jugendhaus Anne-Frank würdigt er genauso wie die Einfach-So-Show, in der er seinerzeit unter der Leitung von Wolfgang Kersting auf dem Stadtfest als 13-jähriger seine erste Bühnenerfahrung machte: „Natürlich war es schwer für mich, da ich am Anfang als Rapper ziemlich allein da stand, aber Orte wie das Anne-Frank muss man einfach würdigen, auch wenn ich dort eigentlich nur zu Auftritten gewesen bin“. Oder das FKK, wo er 1996 das 1. Mindener Hip Hop Jam mitorganisierte, was ihm auch seinen Künstlernamen „Curse“ bescherte: „Irgendwas musste ja auch den Plakaten stehen“.
Erlebnis für Generationen
Für viele Mindener wird der Auftritt von Curse am 10. September eine Reise in ungewohnte musikalische Gefilde werden. Doch auch für Curse selbst wird der Auftritt eine ungewohnte Komponente beinhalten: Nie zuvor war sein Publikum so gemischt. Alle Generationen werden auf dem Mindener Marktplatz versammelt sein. Die einen werden sich heimisch fühlen, Andere werden verunsichert sein. Doch der Beat wird für alle gleichermaßen spürbar werden. Für die Einen vertraut, für die Anderen zunächst fremd.
Der 10. September ist der Abschluss eines Konzeptes, das Generationen zusammenführen soll. Dieses Mal werden die Jüngeren aufgefordert sein, die Älteren in ihre Welt einzuführen und dabei zu helfen, dass die Bodenständigkeit und die Konsequenz, mit der Curse seinen Weg verfolgt auch für unerprobte Hip Hop Zuhörer spürbar wird.
Wer Hip-Hop nicht gewohnt ist, sollte vor allem eins nicht vergessen: Musik ist die einzige Möglichkeit, Emotionen, Bewegungsdrang und Sehnsucht zu vereinen. Das geht im Rock, im Pop, in der Klassik, und im Hip Hop. Einen erfahrenen musikalischen Jongleur zu erleben, ist ein besonderes Privileg. Und eine Menge Spaß. Und in diesem Fall eine große Gelegenheit, etwas über die Gefühle und die Sehnsüchte der jungen Generationen zu erfahren.
Andreas Schöneberg 04.09.2005