Wichgrafen & Bürgerfreiheit – Mittelalterliches Alltagsleben in Minden (12.-15. Jh.)

altAdel & Stadt
Aus dem Kriegeradel des frühen und hohen Mittelalters entwickelte sich seit 1200 der „Hofadel“. Edelherren traten in die Dienste der Landesherren und übernahmen dort Verwaltungsämter. Im Auftrag weltlicher, wie geistlicher Stadtherren dienten Edelherren als Vögte – oder wie in Minden als Wichgrafen. Hier fand sie ihr Auskommen und ihren Ansprüchen entsprechende, repräsentative Betätigungsfelder.
Stadtherr Mindens war der Bischof. Seine Rechte gegenüber den Stadtbewohnern ließ er durch den sogenannten Wichgrafen wahrnehmen, der als oberster Verwaltungs- und Gerichtsherr fungierte.
Der Wichgraf war ein Ministerialer, ein Dienstmann, welcher aus der Schicht des Landadels kam. Von seinem bischöflichen Dienstherrn mit umfangreichen Kompetenzen und von Geburt an mit adligem Selbstbewusstsein ausgestattet, residierte er im Wichgrafenhof.
Wichtige Rechte, wie die Hochgerichtsbarkeit behielten die Stadtherren in ihren Händen. In „peinlichen Sachen“, auf die eine Leib- oder Todesstrafe stand, ließen sich die Stadtherren in den Städten von ihren Vögten vertreten.
In dem Maße, wie die Stadtbürger auch politisch erstarkten, beraubten sie den Adel zunehmend seiner Aufgaben und Bedeutung. So erging es auch dem Wichgrafen von Minden, der im Laufe des 13. Jh.s regelmäßig mit dem Stadtrat aneinander geriet. Um 1300 schließlich errichtete der Rat eine mit dem Wichgrafen konkurrierende Niedergerichtsbarkeit und 6 Jahre später verlegte der Bischof seine Residenz aus der Stadt weg. Das Amt des Wichgrafen blieb noch bis in das 18. Jh. erhal¬ten. Einfluss auf die Verwaltung der Stadt hatte er aber nicht mehr.
altWie das Leben der Edelherren um 1200 aussah und es am Wichgrafenhof zugegangen sein könnte, zeigt  Ihnen die Gruppe Hortus Lupi.
Sie stellen beispielhaft Charaktere aus den verschiedenen Gesellschaftsschichten des stauferzeitlichen Mittelalters in einem zeittypischen Reiselager dar. Zum Lagerleben gehören alltägliche Verrichtungen wie Kochen, Handarbeiten, Freizeitbeschäftigung und Waffentraining. Zusätzlich bietet die Gruppe ein Programm mit speziellen Schwerpunktthemen. Dazu gehören z.B. das Ritual der Schwert-leite, zeitgenössische Waffentechnik und Kleidung der Zeit um 1200 an.

© Rainer Kasties M.A.


altHandel & Wandel, Handwerk & Alltag im spätmittelalterlichen Minden (13.-15. Jh.)
Das 14. und 15. Jh. war die Zeit der größten städti-schen Unabhängigkeit. Die Kommunen wuchsen zu finanzkräftigen Handels- und Handwerkszentren, verfügten über weitreichende Autonomie von ihren Stadt- und Landesherren und waren in großen Städ-tebünden wie der Hanse organisiert.
Um 1180 war der Stadtwerdungsprozess Mindens abgeschlossen. Zwischen 1185 und 1206 werden erstmals Mindener Bürger erwähnt, 1230 erhielt die Stadt volles Stadtrecht und spätestens ab 1244 wurden die Interessen der Bürger von einem Stadtrat vertreten. 1318 schließlich wurden im sog. Mindener Stadtbuch die Rechtsverhältnisse zwischen Bischof und Stadt abschließend geregelt.
Kaufleute als Elite
Treibende Kraft waren – wie in allen deutschen Städten – die Kaufleute und Fernhändler. Sie sonderten sich schon früh rechtlich von den Handwerkern ab und stellten in Wirtschaft, Stadtrat und Verwaltung die städtische Sozialelite. Meist waren die Kaufleute im Tuchhandel tätig. Mindens wirtschaftlicher Schwerpunkt lag im Spätmittelalter hauptsächlich im Brauereigewerbe und dem Bierexport sowie dem Getreide- und Holzhandel über die Weser.

Hantwerck unde ammechten
Im Frühmittelalter noch gering geachtet, vollzog sich im 11. und 12. Jh. ein Wertewandel zugunsten des Handwerks. Mit dem Wachstum der Städte ging die Spezialisierung und Differenzierung in Berufsgruppen einher und damit stiegen auch Ansehen und Einfluss der Handwerker.
Die großen Ämter Mindens – Bäcker, Knochenhauer und Schuhmacher – hatten zwar die Möglichkeit auf politische Teilhabe, ihre Vertreter mussten aber ihr Handwerk aufgeben und zur Kaufmannschaft übertreten um in den „Vierzigerausschuss“ aufgenommen zu werden, der den Rat wählte. 1405-10 kam es zum Aufstand der Angehörigen der kleinen Ämter (Höker, Krämer, Kürschner, Schneider und Weber), der „Mindener Schicht“, die auf Mitsprache am Stadtregiment drängten und de-nen schließlich die Aufnahme in den „Vierzigerausschuss“ zugestanden wurde.

De stad to Mynden, zo de in der hensse wesen wilt  
Minden wird heute zwar als Hansemitglied bezeichnet, nahm aber im ganzen Mittelalter tatsächlich nur an zwei Hansetagen teil. Erst im 15. Jh. zeigte sich Minden an einer engeren Bindung interessiert. In dieser Zeit entstanden die sogenannten Tohopesaten, Bündnisse, die den freien Handel schützen sollten. Minden, das seinen Handel mit Einzelbündnissen, die es mit den Territorialherren an der Weser einging, absicherte, zögerte lange und entschloss sich erst 1494 zur Teilnahme an einer To-hopesate.
Die Vruntlike tohopesate und ihre Gäste, wie die IG Volkelin sind ein Netzwerk von Darstellern, die städtisches Alltagsleben des Spätmittelalters erforschen, rekonstruieren und präsentieren. Dies umfasst die Themen Handel und Handwerk, Verwaltung und Verteidigung, anhand deren die städtische Entwicklung im Allgemeinen thematisiert und visualisiert wird. Die Darstellung wird durch intensive, wissenschaftlich fundierte Quellenrecherche und -präsentation gestützt und begleitet.
Neben Präsentation von Handwerk, Handel und Alltag, gewährt eine Vielzahl an zeitgenössischen Dokumenten dem Besucher spannende Einblicke in das Leben der Bewohner einer spätmittelalterlichen Stadt, so wie es wirklich war und seinen Niederschlag in den Schriftquellen fand.

© Rainer Kasties M.A.


altVom „Hovewerk“ zum Freischießen - Spätmittelalterliches Schützenwesen in Minden (14. Jh.)
Schützenvereine und -feste haben ihren Ursprung im städtischen Schützenwesen, welches sich im 14. und 15. Jh. im Kontext der Stadtverteidigung herauszubilden begann. Auch das „Mindener Bürgerbataillon“, 1682 erstmalig erwähnt, ist Relikt des ursprünglichen Hovewerks (mittelniederdt. für „Hauptwerk“), der Stadtverteidigung im Spätmittelalter.
Untrennbar verbunden mit dem „Bürgerrecht“ in den spätmittelalterlichen Städten war die Pflicht jedes borgers. Sie mussten Verteidigungsdienst leisten und den Umgang mit Waffen üben. Dies galt besonders für die Fernwaffen, die für die städtische Verteidigung außerordentlich wichtig waren. Das lag vor allem daran, dass man die Stadt von den Mauern herab verteidigen musste um den direkten Kampf mit den gut ausgebildeten feudalen Reiterheeren möglichst zu vermeiden. Die wichtigste Fernwaffe des Mittelalters war die Armbrust, die zur Grundausstattung der bürgerlichen Ausrüstung gehörte.
Gemein ist allen Städten der Trend, seit dem Ende des 14. Jh.s eigene, aus haupt- und nebenberuflichen Schützen bestehende Schützenkorps aufzustellen. Bestanden diese im 14. Jh. noch überwiegend aus borgern – meist junge Männer aus den Ämtern und Gilden – häuften sich im 15. Jh. die Anwerbungen von besoldeten Stadtschützen. Im 14. und 15. Jh. unterhielten alle Städte ein festes Kontingent von bis zu 50 Ratsschützen. In Krisenzeiten wurden zusätzliche Schützen angestellt. Organisiert waren die bürgerlichen Stadtschützen im 15. Jh. in vielen Städten in Schützenbruderschaften oder -gesellschaften.
Mit dem Aufkommen der Feuerwaffen (ab 1300) begann in den Städten eine massive Aufrüstung mit Bussen (Büchsen) aller Art. Das Schützenwesen wurde zum Rückgrat der städtischen Verteidigung.
Schützen wurden gezielt zu Wachdiensten, als Geleitschutz für die Stadträte auf Reisen und für Kaufmannszüge eingesetzt. Ebenso bei auswärtigen Unternehmungen, wie Belagerungen.
altGerüstet waren die Schützen mit Eisenhut und/oder Kettenhaube und einer Kurzwehr (korde).
Geschossen wurde mit Stein- und Bleikugeln und auch der Hinterlader war schon erfunden, wenngleich die Wirkung eher psychologischer Art war. Der Ladevorgang dauerte zu lange, die Treffgenauigkeit war gering und den schwer gepanzerten Rittern in einer Feldschlacht konnten die Bleikugeln ohnehin nichts anhaben. Diese zerplatzen einfach an den gehärteten Stahl der Rüstungen. Lediglich bei Belagerungen konnten Geschütze großen Schaden an-richten.
Präsentiert wird das Thema „Schützenwesen“ von der schwedischen Gruppe Albrechts Bössor, die ein Schützenkontingent von Bussenschutten des 14. Jh.s. im Dienste König Albrechts von Mecklenburg darstellen.

© Rainer Kasties M.A.

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