"Arme" Bauern - "Christliche" Ritter (11.-13. Jh.)

altKaiserlicher Besuch – Hoftage der Salier in Minden (10./11. Jh.)
852 hielt der Enkel Karl des Großen und König des Ostfrankenreiches, Ludwig der „Deutsche“, in Minden einen allgemeinen Gerichtstag ab. Dieser ist vergleichbar mit den späteren Hoftagen und legte damit den Grundstein für die große Bedeutung, die das Bistum Minden in der späteren Reichsgeschichte haben sollte. Die Bischöfe von Minden waren als Diplomaten und Ratgeber der späteren römisch-deutschen Kaiser und Könige tätig. Insbesondere die Bischöfe Landward (Bf. 958-969) und Milo (Bf. 969-996) gehörten zum engeren Kreis der ottoni-schen Herrscher.
Im Jahre 1003 besuchte mit Heinrich II. zum letzten Mal ein Herrscher aus ottonischem Hause Minden. Obwohl die Nachfolgedynastie, die Salier, aus dem südwestdeutschen Raum kamen, war ihnen bewusst, welche Bedeutung das Bistum Minden und das Stammesherzogtum der Sachsen hatte. Auf dem Hoftag in Minden 1024 bestätigte der Salier Konrad II. das sächsische Recht. Im Gegenzug huldigten der Stamm und die sächsischen Fürsten dem neuen König.
altDie große Bedeutung, welche das Bistum Minden in der mittelalterlichen Reichsgeschichte hatte, ist auch an den Hoftagen und zahlreichen Besuchen der römisch-deutschen Könige und Kaiser ablesbar. Sie feierten die damals symbolträchtigen Feste Weihnachten und Pfingsten in Minden (z.B. Konrad II., 1024, 1033; Heinrich IV, 1062). Kaiser Heinrich III. besuchte Minden gleich viermal.
Doch unter der Oberfläche brodelte es. Die Gegensätze zwischen Sachsen und süddeutschen Herrschern waren zu groß. Auch zwischen dem adligen Gefolge und den immer selbstbewusster werdenden Stadtbewohnern kam es während der zahlreichen und kostspieligen kaiserlichen Besuche zu Spannungen. Diese entluden sich bei einem Besuch Heinrichs IV. zu Pfingsten 1062. Am 19. Mai brach in Folge einer Auseinandersetzung zwischen den Stadtbewohnern und Angehörigen des kaiserlichen Gefolges ein Feuer aus, welches den Dom und die Stadt zerstörte. Dieser Brand markiert das Ende der Blütezeit des Bischofssitzes. 1071 wurde der wiederaufgebaute Dom geweiht, von dem heute noch das mächtige Westwerk erhalten ist.
Wer waren diese selbstbewussten und ungebärdigen „Edelherren“, die mit den Stadtbewohnern aneinandergerieten? Sie waren größtenteils selber niedriger Geburt. Sie oder ihre Väter waren noch Unfreie oder Hörige gewesen. Es waren die salischen Könige, die im 11. Jh. ihre Hörigen oder Leibeigenen, auf die sie sich verlassen konnten, zur Verwaltung ihrer Domänen und Burgbezirke bestimmten. So entstand der Stand der „Ministerialen“, des neuen niederen Adels, der recht schnell ein eigenes Standesbewusstsein entwickelte und sich nach unten hin abgrenzte.
An der im 10./11. Jh. erbauten Marienkirche erwartet Sie ein Gefolge der salischen Könige zu Besuch in Minden. Erleben Sie die Welt der Reiterkrieger des 11. Jh.s. Die Akteure des Franco-Flämi-schen Kontingents vermitteln Ihnen Eindrücke von der Lebensweise, Ausrüstung, Waffen- und Kampftechnik der neuen militärischen Elite des Hochmittelalters.

© Rainer Kasties M.A.


alt„Arme“ Bauern im Mittelalter? (13. Jh.)
Die Grundherrschaft und damit ein „Bauernstand“ entwickelten sich erst ab dem 11. Jh. Doch die Lebensumstände der Bauern waren nach Ort und Zeit stets höchst unterschiedlich.
Die Leibeigenschaft verlor seit dem 9. Jh. ihre Bedeutung. Leibeigene verfügten zunehmend über persönliche Freiheit, Freizügigkeit und Rechtsfähigkeit. Auch Gesetzeswerke wie der Sachsen- und der Schwabenspiegel sahen im 13. Jh. Leibeigenschaft wie Hörigkeit als nicht mehr zeitgemäß an. Die Reformatio Sigismundi 1439 machte ihre Abschaffung sogar zum Reichsgesetz.
Im Hochmittelalter besserte sich auch die ökonomische Situation der teils noch leibeigenen Bauern. Die persönlichen "Hand- und Spanndienste" wurden durch die Rentengrundherrschaft abgelöst. Der Bauer bewirtschaftete einen Hof, der einem Grundherrn gehörte und zahlte dafür Pacht. Im Gegenzug erhielt er Schutz und war sozial wie rechtlich eingebunden. Vom 12. bis zum 14. Jh. erlangten die Bauern zunehmend Selbstverwaltungsrechte - das Dorf wurde zur "politischen Gemeinde" mit eigener Verwaltung und Gericht.
altÖkonomisch profitierten die Bauern am stärksten von dem hochmittelalterlichen Klimaoptimum (12.-14. Jh.) und dem damit verbundenen Bevölkerungs-wachstum. Die Agrarkrise in der zweiten Hälfte des 14. Jh.s, die Pest und der daraus folgende Mangel an Arbeitskräften zwangen die Grundherren zu weiteren Zugeständnissen. Der Bauer des Spätmittelalters saß zumeist erblich auf seinem Hof, die ursprünglichen Dienste leistete er durch Geldzahlungen ab.
Die Veränderungen führten zunehmend zur Nivellierung der Vermögensverhältnisse. Während Edelherren verarmten, waren die Pachtbauern die Nutznießer der Entwicklung. Die Schriftquellen des Spätmittelalters relativieren das heute noch landläufige Bild vom "armen Bauern“ und „reichem Ritter". Schon im 13. Jh. häufen sich die Klagen über Bau-ern, "die über ihren Stand leben". Testamente des 14. und 15. Jh.s belegen, dass ein Bauer Federbetten, Zinngeschirr, Glas und Truhen sein Eigen nennen konnte. Während sein Grundherr lediglich Holzbecher, Strohsack und Hocker vererben konnte.
Ab Mitte des 15. Jh. begann sich in einigen Regionen die Lage der Bauern wieder zu verschlechtern. Der Begriff "Leibeigenschaft" wurde auf eine neue Art der Abhängigkeit übertragen. Es wurden wieder persönliche Dienste eingefordert, weitere und zusätzliche Abgaben erhoben, Freizügigkeit und Rechtsfähigkeit eingeschränkt sowie die Unauflöslichkeit des Abhängigkeitsverhältnisses ohne Einwilligung des Herrn und Heiratsbeschränkungen eingeführte. Die "neue Leibeigenschaft" entstand - und sollte erst im 19. Jh. enden.
Das Thema bäuerliches Leben in der zweiten Hälfte des 13. Jh. mit all seinen Facetten wird präsentiert von der Gruppe In der ahte mîn.

© Rainer Kasties M.A.


altDas „christliche“ Rittertum (12./13. Jh.)
Noch im 11. Jh. waren die ungestümen Reiterkrieger, der „neue Adel“, deren Aufgabe eigentlich der Schutz der ihnen anvertrauten Bauern und des Landes es sein sollte, deren Geißel. Ein fortwährendes Fehdewesen und das Fehlen einer realen königlichen Zentralmacht drohten die wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung zu blockieren. Insbesondere die Kirche war um den inneren Frieden besorgt. Sie unternahm viel, um das christliche Abendland zu befrieden.
Das Fehdeunwesen konnte im 10. und 11. Jh. durch die Gottesfriedens- und Landfriedensbewegung eingedämmt werden. Eine permanente Unruhequelle blieben aber die jungen Adelssprösslinge, die kein Land erbten. Die „arbeitslosen Ritter“ wurden zur Landplage. Da lag es nahe, deren kriegerische Energie auf einen äußeren Feind zu lenken. Im Jahre 1095 erging der erste Aufruf um Kreuzzug zur Befreiung Jerusalems. Noch sieben weitere sollten folgen.
altDie Entstehung des Kreuzzugsgedankens hatte erheblichen Einfluss auf die Entwicklung des Rittertums und auf das Selbstverständnis, welches dem neuen Rittertum innewohnen sollte. Beginnend mit den Kreuzzügen entwickelte die Kirche das neue Ideal des „christlichen Ritters“. Die höchsten Tugenden dieses Ideals waren Armut, Keuschheit und Gehorsam. Die wichtigste Aufgabe sollte dabei im Schutz der „Wehrlosen“ und Armen, der Frauen und der Kirche bestehen.
Dieses Konzept funktioniert zum Teil, zu mindestens in Deutschland, für gut zwei Jahrhunderte. Das 12. und 13. Jh., waren die Blütezeit des Adels und des Rittertums. In dieser von Wirtschafts- und Bevölkerungswachstum geprägten und weitgehend friedlichen Zeit, konnten sich die Edelherren der Verfeinerung des Lebens zuwenden. Wer kämpfen wollte tobte sich auf den Kreuzzügen aus oder übte sich in Turnieren in der Kampfeskunst. Höfisches Leben, Minnesang, Jagd, ein idealisiertes Rittertum und Turniere sind die bekanntesten Merkmale dieser Zeit. Bis heute prägen und verklären sie das Bild vom Mittelalter.
Die Zeit der „christlichen Ritter“ wird durch die Gruppe Furor Normannicus repräsentiert. An der Marienkirche und in ihren romanischen Gewölben aus dem 12. Jh. wird es um Themen gehen, welche im Mittelalter die gesamte Bevölkerung be-trafen. Hier erfährt der Besucher alles über den Kreuzzugsgedanken im 12. Jahrhundert, Volksfrömmigkeit und das Pilgerwesen. Weitere, eher weltliche Themen, sind der Einfluss des Orients auf die christlich-europäische Kultur und – passend zum Ort – der Wandel von der der Romanik zur Gotik.

© Rainer Kasties M.A.

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