Schlachtfeldarchäologie

Landsknechte in Porta Westfalica-Barkhausen, Kreis Minden-Lübbecke


Bei den umfangreichen Ausgrabungen in Porta Westfalica-Barkhausen ist es in den Jahren 2008 bis 2011 gelungen, Spuren dieses Lager aufzudecken. Durch sorgfältiges Absuchen der Grabungsflächen mit Metallsonden konnten 225 Geschosskugeln aus Blei geborgen werden. Im 17. Jahrhundert und während des 30-jährigen Krieges waren Infanteristen hauptsächlich mit Musketen und Arkebusen ausgerüstet. Bei der Kavallerie waren Pistolen in Gebrauch. Die Kugeln, die während der Prospektion des Schlachtfeldes von Lützen (November 1632) geborgen wurden, wiesen Durchmesser zwischen 7 mm und 19 mm auf. Schwerpunkte bei den Durchmessern ergaben sich bei 16 mm – 17 mm so wie bei 11 mm – 14 mm. Tendenziell werden die größeren Durchmesser den Musketen zugeschrieben, den kleineren den Pistolen und Arkebusen.    

Die Geschosse aus Barkhausen weisen Durchmesser zwischen 6 mm - 27 mm auf. Die Schwerpunkte bilden, vergleichbar mit dem Material von Lützen, die Gruppen zwischen 10 mm – 14 mm mit 110 Exemplaren und 16 mm – 17 mm mit 43 Exemplaren. Dazwischen liegen 14 Exemplare mit 15 mm und am Schluss 14 Stücke zwischen 18 mm – 20 mm. Die Abweichungen in den Durchmessern sind mit der Waffenproduktion und er Belieferung der Heere in der frühen Neuzeit zu erklären. Mangelnde Präzision bei der Herstellung der Rohre und verschiedene Maufakturen ließen keine standardisierten Durchmesser der Munition zu. Darüber hinaus ist davon auszugehen, dass der Kugeldurchmesser im Allgemeinen 1 mm – 2 mm kleiner war als das Rohrkaliber. Vergleicht man die Maße der Kugeln von Barkhausen mit denen des Schlachtfeldes von Lützen, so lässt sich feststellen, dass mit 110 Kugeln offensichtlich Munition von leichteren Waffen vorliegt, die überwiegend der Kavallerie zugeschrieben wird. Immerhin ist mit 43 Exemplaren die Musketenmunition der Infanterie auch noch gut vertreten.

Schon zu Beginn der Grabung fielen Kugeln mit Gusszapfen auf, die beim Gießen in einer Kugelzange oder einer anderen Form entstehen und die noch nicht entfernt wurden. Am Ende der Ausgrabungen lässt sich an 61 Exemplaren dieses Zwischenstadium der Munitionsproduktion feststellen. Die nachgewiesene Herstellung der Munition in Barkhausen legt die Existenz eines Heerlagers an dieser Stelle nahe.

Im südöstlichen Randbereich der Grabungsfläche fielen drei Gruben auf, in denen sich starke Brandspuren abzeichneten. In der Nordostecke der rechteckigen, 1,5 Meter breiten Grube mit der Fundnummer 734 war die Hitzeeinwirkung so stark, dass das umgebende Erdreich verziegelte. Es fand sich eine Anhäufung verziegelten Lehms, der auf eine Ofenkuppel, etwa für einen Backofen, hindeutete. Den gesamten Grubenboden bedeckte eine zwei bis drei Zentimeter dicke Holzkohleschicht. In der Füllung, kurz über dem Grubenboden lagen Fragmente von weißtonigen Tabakspfeifen. Eine Pfeife wies auf dem Stil gestempelte, französische Lilien in Rauten auf. Unter dem Fuß sind die gestempelte Buchstaben „I E“ im Perlenkranz zu erkennen. Im Pfeifenkopf befanden sich noch Reste des verbrannten Tabaks. Bei Grube mit der Fundnummer 761 mit zwei Meter Länge und 1,4 Meter Breite war die Ostseite und die südöstliche Ecke stark verziegelt. Das nördliche Ende kennzeichnete eine 0,4 Meter unter den Grubenboden reichende Mulde, deren Füllung überwiegend aus Holzkohle bestand. Der Grubenboden selbst war wieder mit einer Holzkohleschicht bedeckt. Die Grube mit der Fundnummer 762 mit zwei Meter Länge und 1,9 Meter Breite wies ebenfalls an der Ostseite starke Hitzerötung und einen abgesenkten Grubenboden mit Holzkohlefüllung am nördlichen Ende auf. In der Füllung lag eine kleine, 9,5 cm hohe, fast vollständig erhaltene Flasche mit zwei waagerechten Henkeln aus braunem Steinzeug. Ohne Zweifel lassen sich die Funde aus den Gruben dem 17. Jahrhundert zuordnen. Ähnliche Feuergruben wurden 1989 nördlich von Sarstedt, Kreis Hildesheim, gefunden. E. Cosack interpretiert sie als Kochgruben, die in einem protestantischen Heerlager aus dem Jahr 1634 ausgehoben wurden. Mit hoher Wahrscheinlichkeit können die Gruben aus Barkhausen ebenfalls im Zusammenhang mit der Versorgung lagernder Soldaten gesehen werden.

Die intensive Suche mit Metallsonden erhöhte nicht nur die Zahl der Geschosskugeln im Fundbestand, sondern förderte noch weitere interessante Funde zu Tage, die dem Umfeld eines Militärlagers zugerechnet werden können. Besonders hervorzuheben ist ein 14 cm großer Radsporn aus Eisen mit leicht geschwungenen Bügeln, an denen sich noch eine Nietplatte mit drei Bohrungen befindet. Das sternförmige Rad ist offensichtlich schon zur Nutzungszeit verlorengegangen. Ein weiteres, gegossenes Rad aus Buntmetall mit etwa 5 cm Durchmesser und sechs erhaltenen Strahlen wurde an anderer Stelle gefunden.

Besondere Aufmerksamkeit erregte eine noch knapp sieben Zentimeter große Bleifigur, deren Unterschenkel alt abgebrochen sind.  Mit den Attributen des Hutes und der Umhängetasche, an deren Schulterriemen ein angeknotetes Tuch dargestellt ist, ist sie ohne Zweifel als Merkur zu identifizieren. Leider schränkt starke Korrosion im Gesicht den Gesamteindruck der sonst qualitativ hochwertigen Figur ein. Dargestellt war ursprünglich ein kindliches Gesicht. Auf dem Rücken befinden sich eine Reihe von Kerben und flachen Dellen, an der Seite einige Einstiche von einem spitzen Gegenstand. Ganz offensichtlich ist die Figur nicht als Kunstgegenstand betrachtet worden, sondern vielleicht als Rohmaterial für den Guss neuer Kugeln, worauf die Beschädigungen hinweisen können. In der Renaissance und im Barock sind solche Figuren nach antiken Vorbildern in Mode gewesen.

Nicht zuletzt weist eine Reihe von elf Silbermünzen, die mit einem 6- Pfennig-Stück der Stadt Dortmund aus dem Jahr 1631 abschließt, auf einen längeren Aufenthalt von Menschen an diesem Ort hin. Bemerkenswert ist die Tatsache, dass keine Münze gefunden wurde, die nach 1634 geprägt wurde.

Mit  größter Wahrscheinlichkeit sind die Funde und Befunde der Grabung mit dem Lager von Herzog Georg von Braunschweig und Lüneburg gleich zu setzen. Darauf weist ebenso die Münzreihe hin, deren Schlussmünze in das Jahr 1631 datiert, wie eine Vielzahl von Geschosskugeln, deren Durchmesser eher auf Waffen der Kavallerie des 17. Jahrhunderts hindeuten. Der Radsporn und das Fragment eines Rades von einem weiteren Sporn weisen in die gleiche Richtung. Die Befunde der Gruben mit den starken Verziegelungen zeigen eindrücklich, dass in ihnen über längere Zeit Feuer zur Versorgung der Truppen unterhalten wurden. Die in der historischen Quelle erwähnte Mindener Landwehr verlief etwa 300 Meter nördlich der Fundstelle in Barkhausen. Berücksichtigt man die beträchtliche Größe der Heere des 30-jährigen Krieges, so wird deutlich, dass in Barkhausen nur ein kleiner Teil des Lagers aufgedeckt werden konnte. (Text: Werner Best)

 

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