Kaiser Karl und die Weihnachtsbeleuchtung

Da kehren wir heute Früh nach wochenlangem Rehaaufenthalt in einer weit entfernten Einrichtung für ältere fränkische Kaiser in unser Minden zurück – und was sehen wir? Es hat sich alles verändert.

Schon beim Einritt in die Stadt leuchtet der Himmel über Minden. Kugeln, Girlanden und einige Schriftzeichen, die wir immer noch nicht richtig lesen können. Also muss mal wieder unser Schreiberling Jean Jacques ran.

Der hängt allerdings völlig verschlafen auf seinem Ross, weil er bei einem unserer letzten Zwischenaufenthalte im südlicher gelegenen Frankenland äußerst intensiv die Inhalte von verschiedenen Bocksbeuteln, oder wie diese bauchigen Flaschen heißen, verköstigt hat. So öffnet er auf unser Bitten hin ein wenig sein linkes Auge, blickt nach oben, beklagt sich, dass ihn dieses helle Licht blende und bringt nur mühsam über seine Lippen: „Da steht min und din.“

Wir zeigen uns überrascht. Sollte der alte Kämpfer Widukind uns diese Freude bereitet haben? Wir erinnern uns noch an das Zusammentreffen vor 1218 Jahren als unser alter sächsischer Gegner und spätere Freund uns seine Burg mit den Worten „Disse Borch schall nun min unde din seyn“ übergab. Wir waren nach den ewig langen Kämpfen gegen den Sachsenherzog so gerührt, dass uns fast eine kleine Träne über die Wange gelaufen wäre.

Und jetzt begrüßen uns genau diese Worte in unserem Minden. Wir bitten Jean Jacques, ein Foto von diesen leuchtenden Worten zu machen, nachdem wir für unsere Reisen ein Gerät erworben haben, auf dem man nach einem Klick auf einen Knopf sofort sehen kann, was man da gerade geklickt hat. Unser Schreiber sagt, das nenne sich Digitalkamera und diene der Dokumentation für die Nachwelt, wenn wir irgendwann mal abgetreten sein sollten.

So reiten wir weiter an einem riesigen, leuchtenden Kranz vorbeikommend, über die Domhöfe in Richtung unserer Fünf-Sterne-Herberge, der übrigens die fünf Sterne an der Hauswand abhanden gekommen sind und steigen auf dem Markt vom Sattel. Überall sind hölzerne Buden, ganz wie früher auf unseren Märkten an den Pfalzen in Aachen und Paderborn. Und überall leuchten die Lichter, obwohl die Buden noch geschlossen sind. Eine große Tanne mit einem Engel an der Spitze überstrahlt alles und einige wenige Untertanen gehen zu dieser frühen Morgenstunde mit einem Lächeln über den Marktplatz, während sich die Lichter in ihren Augen und Brillengläsern spiegeln.

Wir fragen Jean Jacques, was er davon halte. Nuschelnd antwortet er: „Es riecht noch wunderbar nach Glühwein.“ Einen Budenbetreiber mit dem leicht geöffneten linken Auge im Blick, reitet er auf ihn zu und fragt in völlig klarer Aussprache: „Ab wann kann ich den Glühwein probieren.“ Der Mann zeigt sich ob unseres Äußeren ein wenig überrascht, verneigt sich und gibt die Auskunft, dass sich „der Herr noch ein wenig gedulden müsse“. Denn es sei erst sieben Uhr am Morgen.

Jean Jacques schließt sein Auge wieder, zügelt sein Ross und reitet zur Herberge, während wir immer noch begeistert von diesen Lichtern sind, die ein Untertan als Weihnachtsbeleuchtung bezeichnete als er an uns vorbei ging. Wir nutzten die Gelegenheit, um ihn zu fragen, wer denn dafür gesorgt habe, dass diese Lichter leuchten und ob es unser Freund Widukind gewesen sei. Etwas verlegen blickt der Bürger uns an. Nein, ein Widukind sei seines Wissens nicht darunter, antwortet er. Es seien die Händler und viele andere in Minden, die das möglich machten, um die Bürgerinnen und Bürger zur Weihnachtszeit zu erfreuen.
Kaum sind wir in unser Minden zurückgekehrt, da sind wir schon wieder stolz auf unsere Untertanen. „Schreiber“, rufen wir in Richtung von Jean Jacques, „mach uns bitte eine Notiz über diese Weihnachtsbeleuchtung in unserem Reisetagebuch.“ „Mache ich nachher“, ruft er zurück, „wenn ich den ersten Glühwein probiert habe.“

Karolus Magnus – Karl der Große
am siebten Tage im Dezember des Jahres 2016

responsiveMenu