Kaiser Karl und das Verbot

Eigentlich waren wir überzeugt, uns könne nichts mehr verwundern. Doch unser Reisetagebuchschreiber Jean Jacques hat uns eines Besseren belehrt.

Gemeinsam waren wir heute am frühen Morgen bei diesem herrlichen Spätsommerwetter in diesem schönen Grün unterwegs, das hier in unserem Minden Glacis genannt wird. Als wir an dieser sehr fein aussehenden Brücke vorbeikamen, die sich in einem Bogen über unsere Weser schwingt, fuhr eine Frau mit einem zweirädrigen Gefährt an uns vorbei und flitzte auf die Brücke.

Abgesehen davon, dass wir – und hier meine ich wir (nämlich auch Jean Jacques) – uns sehr erschrocken haben, als jene Bürgerin mit einer Geschwindigkeit, die nicht einmal unser Schlachtross in seinen besten Zeiten erreichte, an uns vorbeiraste, rief „JJ“ der Dame noch hinterher: „Das dürfen Sie nicht!“

Etwas ratlos sahen wir unseren Schreiber an. Wieso sie das nicht dürfe, mit dem Zweirad auf die Brücke fahren, fragten wir ihn. Der zeigte auf ein blaues Schild, auf dem eine Frau und wohl ein Kind zu sehen sind und erklärte: „Da dürfen nur Leute wie wir, ohne Ross und ohne Zweirad, drüber gehen. Fahren darf man da gar nicht.“

Wieso das, wollten wir wissen. Jean Jacques legte seine Stirn in Falten und begann zu lachen, wobei seine Mundwinkel fast bis zu seinen Ohren reichten. „Weil diese Leute mit den Zweirädern am laufenden Band über das Geländer der Brücke gestürzt und in die Weser gefallen sind“, prustete es aus ihm heraus.

Wir waren entsetzt. Das sei ja furchtbar, äußerten wir. Wobei unser Schreiberling noch lauter lachte. „Unsinn“, sagte er, „da ist keiner rübergefallen, aber dennoch muss das Geländer dieser schönen, leichten Brücke, die geradezu filigran wirkt, stark erhöht werden, damit keiner rüberfällt.“ Und bis das geschehen sei, dürfe eben keiner mit einem Fortbewegungsmittel mit zwei Rädern darüberfahren.

Wir verstanden nicht. Wenn keiner über das jetzt vorhandene Geländer gefallen ist, warum muss es dann erhöht werden, damit keiner rüberfällt?

Das sei nun mal so, antworte „JJ“. Wir hätten da eine rhetorische Frage gestellt – und darauf gebe es keine Antwort, erklärte unser besserwissender Schreiber. Interessant aber sei in dem Zusammenhang, dass das Geländer, über das schon jetzt keiner gestürzt ist, für die Erhöhung, damit keiner darüber stürzt, 60.000 Euro Baukosten verschlinge.

Wir bekamen eine Art Schnappatmung. 60.000 Euro? Soviel hat damals vermutlich nicht einmal der Bau unserer Pfalz in Aachen gekostet. Und wahrscheinlich hätten wir damals in unseren jungen Jahren als Kaiser sogar auch noch unsere Pfalz im nahen Paderborn aus dieser Summe sanieren lassen können. „Stimmt“, resümierte Jean Jacques, „das könnte hinkommen.“

Und er ergänzte: „Vermutlich hätten wir ein solches Problem auch anders gelöst. Wir hätten einen Steinmetz beauftragt, eine Stele anzufertigen, auf der, weil wir damals ja noch keine Fahrzeuge mit zwei Rädern hatten, gestanden hätte: Befahren mit dem Pferdekarren auf eigene Gefahr!“

Mit dem Gedanken, dass das heute komische Zeiten sind, bummelten wir weiter, während hinter uns wieder ein Bürger mit seinem Zweirad auf die verbotene Brücke fuhr.

Unterzeichnet
Carolus Magnus – Karl der Große

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