Kaiser Karl und der Springbrunnen


„Da, er spritzt, er spritzt.“ Unser Schreiber Jean Jacques ist außer sich. Er steht am Fenster unserer Fünf-Sterne-Herberge, starrt auf den Markt, springt vor Freude in die Luft, reißt dabei jenen gewebten Stoff herunter, den man heutzutage wohl Gardine nennt und ruft wieder: „Er spritzt, er spritzt.“
 
Einmal mehr fürchten wir, dass wir uns um das Wohlergehen unseres Reisetagebuchschreibers Sorgen machen müssen. Gestern Abend war es wieder sehr spät, als wir ihn in seine Koje gehen hörten. Dabei sang er irgendetwas, das wie „Wo die Weser einen großen Bogen macht“ klang. Das viele Bier einer Brauerei aus der Region, der Wein in den kleinen italienischen Schänken in unserem Minden scheinen ihm doch ziemlich zuzusetzen.
 
Gerade wollen wir an Jean Jacques herantreten, als er wieder mit fuchtelnden Armen in die Höhe hüpft, uns dabei unsere Krone vom Kopf reißt, selbige durch unser Gemach kullert und mitten unter unserer bequemen Schlafstätte liegen bleibt. Ungekrönt stehen wir nun vor dem Fenster, in der Hoffnung, dass uns unsere Untertanen beim Blick hinauf nicht in unserem purpurnen Mantel erkennen. Da sehen wir es auch: er spritzt.
 
Unweit des Amtssitzes des Meisters der Bürger sprudelt Wasser aus dem Boden. Dort, wo viele Tage ein tiefes Loch war, ist nun eine glatte Fläche aus edlem Stein verlegt, woraus die Fontänen in die Höhe steigen. Wir sind begeistert, was auch unser Schreiber merkt und uns quer durch unser Zimmer, den Flur und die Treppe hinunter auf den Markt zieht – und das ohne unsere Krone.
 
Doch unsere Begeisterung lässt uns dieses fehlende Statussymbol vergessen. Wir folgen „JJ“ zu der Fläche und sind enttäuscht. Nichts. Gar nichts. Außer einer nassen Ebene ist nichts zu sehen. Kein sprudelndes Wasser.
 
Enttäuscht drehen wir uns um, als uns ein kleines Mädchen am Mantel zerrt. „Hast du das gesehen? Es hat gespritzt.“ Freudestrahlend hüpft das Kind um die nasse Fläche herum. Ein kleiner Junge gesellt sich hinzu, schaut uns etwas verwundert an und sagt dann: „Das ist ein toller Springbrunnen.“ Jean Jacques nimmt das wörtlich und springt in die Luft, in der Hoffnung, dass bei seiner Landung Wasser aus der Erde aufsteigt. Doch, nichts!
 
Betrübt blickt er auf die nassen Steine als ihn das kleine Mädchen an die Hand nimmt. „Sei nicht traurig“, sagt sie zu unserem Schreiber. „Meine Mama hat gesagt, dass der Springbrunnen noch nicht ganz fertig ist und nur ausprobiert wird. Aber bald, dann spritzt er jeden Tag. Das wird toll.“
 
Schon macht sich ein Lächeln bei Jean Jacques breit, der uns anblickt und sagt: „Na, da haben deine Untertanen in unserem Minden doch wieder eine fantastische Idee gehabt.“ „Unsere Untertanen“, wollen wir ihn gerade korrigieren als er Tinte und Feder zuckt, in unserem Reisetagebuch blättert und mit ein paar Strichen ein Sternchen hinein malt. „Für besondere Leistungen“, grinst er, während uns die Spucke wegbleibt. Denn genau das Zeichnen dieses Sternchens wollten wir ihm mit Blick auf unsere Mindener auftragen.
 
Unterzeichnet in Minda
Carolus Magnus – Karl der Große

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