Karl und die Entdeckungsreise


Seit Tagen stöhnte unser Reisetagebuchschreiber. Er habe Nacken, betonte er immer wieder und litt dabei bitterlich. Das ging uns dermaßen auf die Nerven, dass wir ihn am Liebsten einmal an selbigem packen und kräftig durchschütteln wollten. Aber vermutlich hätte Schreiberling Jean Jacques dann noch mehr gelitten und uns mit seinem Gejammer vollgesülzt.

Gestern haben wir ihm endlich entlocken können, warum er denn „Nacken“ hat. Er sei tagelang auf der Jagd nach Ungeheuern gewesen, klagte er. Dabei habe er nicht nur die verschiedenen Untiere entdeckt und gefangen, sondern auch noch ganz viele neue Dinge in unserem Minden entdeckt.

Ehrlich gesagt, zweifelten wir zunächst ein wenig am Verstand von Jean Jacques. Sehr verwundert fragten wir ihn, ob er gerade tatsächlich behauptet hätte, Ungeheuer gejagt und zur Strecke gebracht zu haben. Er deutete mit einem vorsichtigen Nicken an, dass es genauso gewesen sei – und stöhnte gleich wieder auf als er seinen Kopf etwas stärker bewegte.

Wo denn die Waffen seien, die er für die Jagd verwandt habe, wollten wir von unserem Schreiber wissen. Er griff in seine Hosentasche und zog etwas heraus, das – wie wir seit einiger Zeit wissen – in unserem Minden Smartphone genannt wird. Damit, antworte er auf unsere Frage, was uns dazu veranlasste, nun doch erheblich an seinem Verstand zu zweifeln.

Kopfschüttelnd wollten wir gerade gehen, als Jean Jacques mit leidenden Worten bat, zu bleiben. Denn auch wir könnten auf die Jagd und die Entdeckungsreise gehen. Das Ganze nenne sich Pokémon Go.

Gerade noch kaum in der Lage ohne heftiges Stöhnen ein paar Worte zu formulieren, schaltete er flugs das kleine Gerät ein, tippte geschwind mit seinen Fingern auf dem Bildschirm herum und deutete auf ein winziges Tier, das unmittelbar vor uns auf dem Marktplatz zu sehen war. Solche Ungeheuer habe er gefangen, ganz viele sogar. Und während er auf der Jagd gewesen sei, habe er beispielsweise etwas über alte Gebäude in Minden gelernt.

Seinen „Nacken“ wohl vergessen habend, reichte er uns dieses Smartphone, erklärte uns noch ein paar Zeichen auf dem Bildschirm und forderte uns auf, ebenfalls auf die Jagd zu gehen. Es schien uns zunächst ein wenig peinlich, mit diesem Gerät in der Hand, den Kopf gesenkt darauf blickend, durch unser Minden zu ziehen. Doch plötzlich tauchten nicht nur immer wieder neue Ungeheuer, sondern die wunderlichsten Dinge auf, von denen wir gar nicht wussten, dass sie in unserem Minden vorhanden waren.

Noch verwunderlicher war, dass wir viele junge und alte Untertanen entdeckten, die ebenfalls in dieser gebeugten Haltung unterwegs waren und auf ihrer Jagd mit uns fast zusammengeprallt wären. Stundenlang waren wir unterwegs, wandelten vor dem Museum, den verschiedenen Kirchen, zwischendurch wieder auf dem Markt und fanden uns überrascht auf dem Johanniskirchhof wieder, als die Sonne bereits beschlossen hatte, unter zu gehen. Doch dieses grüne Tor in dem alten Fachwerkhaus, das auf dem Smartphone erschienen war, darüber wollten wir noch mehr wissen.

Plötzlich wurde der Bildschirm dunkel. Nichts war mehr auf ihm zu sehen, was uns dazu veranlasste aufzublicken und das hölzerne Tor mit der Schrift darüber genauer anzusehen. Doch, oh weh, wir bekamen den Kopf nicht mehr hoch. Der Schmerz zog sich von unserer Krone den ganzen Hinterkopf hinunter bis in den Rücken. Eine Untertanin, die zufällig vorbei kam, sah uns wohl sehr krumm stehend und bat uns Hilfe an. Weinerlich klangen unsere Worte als wir sie baten, uns beim Aufrichten zu helfen. Denn ein krummer Kaiser Karl, der auch noch der Große genannt wird, war ja wohl alles andere als ein würdiger Anblick.

Trotz aller Mühen, wir konnten uns nicht aufrichten. Gingen gebeugt zurück in unsere Fünf-Sterne-Herberge am Markt, wo wir auf einen lachenden Jean Jacques trafen, der entspannt vor der Herberge saß, mit einem Becher Wein in der Hand, und uns fragte: Na, Nacken?
Unterzeichnet in Minda
Carolus Magnus – Karl der Große

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