Kaiser Karl und die Literatur


Kaiser Karl und die Literatur

Was für ein Fest! Köstlich! Selbst in unserer Pfalz in Aachen haben unsere Hofmeister solch eine Feier nicht zustande bekommen. Daran müssen wir noch arbeiten und uns an dieser Mindener Meile der Gourmets in dem Lager mit den weißen Zelten und dem riesigen Baldachin auf dem Exerzierplatz ein Beispiel nehmen.

Während wir nach dem ausführlichen Genuss aller Köstlichkeiten kaum noch auf unser Ross kamen und schon weit vor Mitternacht in unsere Herberge ritten, tauchte unser Tagebuchschreiber Jean Jacques erst auf, als die Glocken der Mindener Kirchen schon lange die Zwölf geschlagen hatten. Er habe ein kleines gerupftes Hühnchen gegessen und ansonsten nur von dem köstlichen Weine gekostet, berichtete er am Abend des vergangenen Sonntags, nachdem wir „JJ“ fast drei Tage lang nicht gesehen hatten.

Nach dem auch unser Schreiberling dann am Montag irgendwann erwacht war, baten wir ihn, den Worten eines Besuchers dieser Gourmetmeile nachzugehen, dass es in Minden Gedichte unter Bäumen gäbe. Wir haben in den vergangenen Jahrhunderten diese sich reimenden Worte lieben gelernt. Wir erinnern uns noch gut als wir Anfang des 17. Jahrhunderts dem Paulus Fleming begegneten und er uns seine Liebesgedichte vorlas. Dann wenige Jahre später dieser Andreas Gryphius, dessen eine Gedichtzeile „Ich lebe, wo man den mit recht kan lebend nennen“ wir uns zu eigen gemacht haben.

Schließlich im späten 18. Jahrhundert dieser verwegene Johann Wolfgang von Goethe und natürlich Friedrich Schiller. Theodor Storm kreuzte dann fast 100 Jahre später unseren Weg. Schließlich lernten wir zu Beginn des 20. Jahrhunderts unter anderem Joachim Ringelnatz kennen und amüsierten uns köstlich über seine tiefsinnigen Zeilen. Wie schon gesagt, wir lieben Gedichte. Und jetzt sollen wir die tatsächlich unter Bäumen genießen können?

Jean Jacques kam schließlich heute Morgen in unser Gemach, rüttelte uns wach und forderte uns auf, schnell unseren Wams anzuziehen und die Morgensonne für einen literarischen Rundgang zu nutzen. Er hatte schon unser altes Schlachtross satteln lassen und ritt selbst zügig voraus, drehte sich dann aber um und rief: „Nichts wie hin zum Friedhof.“

Wir waren einmal mehr entsetzt. Fast 1250 Jahren begleitet Jean Jacques uns und jetzt will er uns plötzlich auf dem Friedhof sehen? Während unser Ross schnaubte, schimpften wir, er solle nicht so unverschämt sein, schließlich lebe er von unserem Silber – und das nicht schlecht.

Jean Jacques brachte sein Pferd zum Stehen, besänftigte uns mit den Worten, dieser Friedhof sei jetzt eine Art alter Garten mit wunderbaren Bäumen an denen rote Früchte und Blätter aus Holz hingen. Und unter diesen Früchten und Blättern gäbe es zwei Dutzend schöner Gedichte. Literaturpfad würden das die Untertanen nennen.

So folgten wir unserem Schreiber zum Botanischen Garten, banden unser Ross an das eiserne Tor und wandelten auf den Wegen dieses alten Friedhofes. Ganz überrascht blieben wir vor einem Kreuz stehen, auf dem ein uns bekannter Name zu lesen war: Carl Wilhelm von Rango. Wir erinnern uns noch genau. Es war 1782 als wir ihm begegneten. Er war damals Leibpage Friedrich des Großen, mit dem wir gerne über Politik diskutierten.

Ein paar Meter weiter stießen wir dann tatsächlich auf Gedichte unter Bäumen. Goethe, Hölderlin, Rilke, Eichendorff, Roth – alle sind sie hier versammelt. Während die Sonnenstrahlen durch das dichte Grün brachen, waren wir ganz vertieft in die schönen Zeilen. Und wir ließen uns hinreißen zu dem Ausruf: Unser Minden – ein Gedicht!

Das muss Jean Jacques auf jeden Fall in unserem Reisetagebuch festhalten.

Unterzeichnet in Minda
Carolus Magnus – Karl der Große

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