Kaiser Karl und die Kunst


KW10Kunst und KeilstueckTu dir den Schal in den Hals, sagen unsere Untertanen umgangssprachlich in unserer Heimatpfalz in Aachen, wenn sie von schlechtem Wetter sprechen. Den Schal in den Hals hätten wir in den vergangenen Tagen bei unseren Ausflügen durch unser Minden am liebsten auch getan.

So wandelten wir gerade in der Nähe der Ratskirche St. Martini als sich eine Flut über uns ergoss. Unser Schreiber Jean Jacques packte sofort seine Schreibutensilien unter seinen weiten Mantel und wir hielten nach einem Unterstand Ausschau. Unsere dicken Fellstiefel sogen sich voll mit Regenwasser und wir mussten schweren Fußes losstapfen, um zu der Überdachung zu gelangen, die wir unweit der Kirche auf einem Platz sahen, den unsere Mindener Untertanen wohl Martinikirchhof nennen und der voller motorisierten Blechs stand.

Froh waren wir als wir den Unterstand erreichten. Der Regen schlug auf das Metall und klang fast wie Schwerter, die auf Rüstungen eindroschen. Plötzlich stand eine kleine Gruppe von Menschen vor uns, die wohl aus unserem Minda – ja, wir wissen: Minden - kommen – und uns zuriefen: „Das ist auch das Einzige, wofür das Ding gut ist. Als Regenhütte.“

Wir waren verwundert über einen solchen Zuruf und fragten den Mann, der wohl der Anführer der Gruppe war, warum er denn so erbost sei. Wir hätten ihm doch gar nichts getan und seien nur auf einem kleinen kaiserlichen Fußmarsch durch die Stadt.

Genauso schnell wie die Regentropfen fielen, redete der Untertan. Diese Eisenkiste, die Keilstück genannt und als Kunstwerk bezeichnet werde, sei nichts weiter als ein Ärgernis in den Augen der Bürgerschaft. Irgendein namhafter Künstler habe das Ding der Stadt geschenkt – und jetzt stehe es hier, roste vor sich hin und diene Schmierfinken als Oberfläche für ihre Werke.

Der Redefluss des Mannes und das bedeutungsschwere Nicken seiner Begleiterinnen und Begleiter machte uns sehr nachdenklich. Solche Schimpftiraden über Kunstwerke haben wir in den vergangenen Jahrhunderten immer wieder gehört. Und dort, wo zuvor die Kunst als „nichts als Müll“ bezeichnet wurde, pilgerten später die Scharen hin, um dieselbe Kunst zu bestaunen. Und manchmal entrichten sie sogar Münzen, um diese Kunst betrachten zu dürfen, über die vorher geschimpft wurde.

So fühlten wir uns bemüßigt, der kleinen Gruppe Untertanen zu verdeutlichen, dass eben jeder ein Kunstwerk anders betrachte. Unser Schreiber Jean Jacques sei zum Beispiel ganz begeistert von dem kleinen Kerl gewesen, den die Mindener Bürger wohl Butjer nennen und der an der Treppe, die den Namen Martini trägt, steht. Wir dagegen haben diese Skulptur nur als amüsant empfunden und nicht wirklich ein Kunstwerk darin gesehen.

Und außerdem hätten wir bei unseren Fußmärschen durch die Stadt an verschiedenen Stellen ganz unterschiedliche Skulpturen oder Zeichnungen und Malereien an den Wänden der Häuser gesehen. Besonders häufig war darunter ein Tier mit weißen und schwarzen Flecken zu sehen, das nach Worten unseres Schreibers Kuh genannt wird.

So werde doch deutlich, dass in unserem Minden für jeden etwas vorhanden ist, wenn es um das Thema Kunst geht. Warum also müsse man sich so aufregen, wenn einem einmal etwas nicht gefällt.

Die Gruppe Untertanen verzog die Gesichter, drehte sich wortlos um und verließ uns ohne einen Gruß. Inzwischen hatte es auch aufgehört zu regnen und ein bisschen lugte die Sonne hinter dem Kirchturm hervor. Wir traten aus dem Kunstwerk namens Keilstück heraus und betrachteten es genauer. Wir ließen unseren Schreiber notieren, dass es für eine Regenhütte ein wenig zu schräg sei.

Frohen Mutes machten wir uns auf zu einer Schenke, um dort ein wenig zu laben. Dabei diskutierten wir mit Jean Jacques, womit wir unseren Aachener Dom wohl noch künstlerisch ausgestalten könnten, um noch mehr Touristen dorthin zu ziehen. Er meinte, so ein Keilstück vor dem Eingang sei doch gar nicht schlecht.

Unterzeichnet

Carolus Magnus – Karl der Große am Tage des Herrn den 8. Maerz des Jahres 2016

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