Kaiser Karl blüht auf

KW9Minden blueht aufEhrlich gesagt, wir waren in den vergangenen Tagen ein wenig betrübt. Wenn Kaisers so nach über 1200 Jahren an eine ihrer alten Wirkungsstätten zurückkehren, dann ist das ein seltsames Gefühl.

Die alten Gefährten, die im Laufe der Jahrhunderte auf der Strecke geblieben sind, fehlen einem. Zum Beispiel Widukind, der alte Sachse. Nachdem wir ihn erst einmal christianisiert und die Waffen niedergelegt hatten, war das fast schon eine Art Freundschaft. Heute erinnert nur noch der Name einer Burg und eine Quelle auf dem Wiehengebirge an ihn. Traurig, traurig.

Doch vom Trübsal blasen ist noch kein Kaiser groß geworden. Also haben wir uns am Wochenende bei Sonnenschein einmal wieder auf den Weg durch unser Minden gemacht. Unser altes Schlachtross haben wir im Fünf-Sterne-Garten unserer Schlafstätte, der eigentlich eher ein Hinterhof mitten in der Stadt ist, stehen lassen und sind ganz allein einige Wege abgeschritten. Das hat uns gutgetan. Und das hat natürlich seinen Grund.

Unser Schreiber, der leider nicht mehr unser alter, guter, fränkischer Gelehrter Einhard ist, sondern jetzt Jean Jacques heißt, hat uns in den vergangenen Wochen berichtet, unser Minden sei rot. Wir haben zwar nicht so genau verstanden, was er damit meint, weil unser altes Minda eher sandsteinfarben ist, aber, was soll’s. Jedenfalls sind wir jetzt völlig irritiert. Denn unsere schöne Stadt an der Weser scheint eher gelb und grün zu sein.

Als wir am Sonntag so des Weges schritten, stießen wir im Grünen an der Weser auf wunderbare gelbe Blumen. Und das in einer ungeheuren Vielzahl. Viele Hunderte blühen dort. Narzissen oder Osterglocken nenne man die, hat uns unser Botanicus berichtet. Müssen wohl während der orientalischen Phase so rund 800 Jahre nach unserem letzten Besuch in unser Reich Einzug gehalten haben. Eine Pracht, da können wir nur staunen.

Aber wie sind diese Blumen mitten in die Wildnis des sogenannten Glacis‘ gelangt? Diese Frage konnten wir uns nicht beantworten, bis wir gestern unseren Schreiber sahen und den fragten.

Und der berichtete Erstaunliches: Die Mindener Bürgerinnen und Bürger hätten sich aufgemacht und ganz auf eigene Initiative diese und andere Blumen überall in der Stadt gepflanzt. Es gäbe sogar kleine Kräutergärten gleich in der Nähe unserer Übernachtungsstätte mit den fünf Sternen an der Hauswand, die dort irgendjemand mal angenagelt hat. Die Gärten seien so ähnlich wie jener Klosterkräutergarten, den unsere Aachener Bürger ganz in der Nähe unseres Domes angelegt hätten. Nur noch viel vielfältiger seien die kleinen Gärten in Holzkisten hier in unserem Minda.

Das erstaunt uns, wie sich unsere Untertanen für unsere Stadt engagieren. Und sie haben sogar einen Namen dafür gefunden: Minden – bühende Stadt. Und eine andere Gruppe, die sich Bürgerbataillon nennt, bezeichnet ihre sommerliche Pflanzaktion „Minden blüht auf“.

Da sind sogar wir wieder aufgeblüht und erfreuen uns nun – trotz aller kaiserlicher Sorgen – an dieser Pracht, die wieder ein Lobessternchen in unserem Reisetagebuch verdient. Das müssen wir unserem Schreiber Jean Jacques unbedingt sagen, dass er dieses Sternchen nicht wieder, wie bei unserem letzten Tagebucheintrag, vergisst.

Unterzeichnet

Carolus Magnus – Karl der Große am Tage des Herrn den 23. Februar des Jahres 2016

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