Furchtlos und drahtlos

KW8drahtlosWar das ein Ausritt! Unser Schimmel ist immer noch ganz blass um das Maul herum vor lauter Aufregung. Die Weser überqueren und ganz ohne Kampfgetümmel wieder auf die linke Uferseite zurückkehren – das hätte es vor 1200 Jahren vermutlich so nicht gegeben. Beim nächsten Mal werden wir gleich ganz furchtlos losreiten.

So können wir nun aber ganz entspannt durch das bewohnte Quartier unseres geliebten Minden reiten, das die Bewohnerinnen und Bewohner Innenstadt nennen. Allerdings vermisse ich dabei ein wenig Würdigung unserer kaiserlichen Anwesenheit. Denn das gemeine Volk läuft durch die Straßen und Gassen und blickt nicht auf uns, sondern starrt kleine eckige Kästen an, die die Menschen in ihren Händen tragen.

Unser Reisetagebuchschreiber und Berater beruhigt uns und klärt uns auf, dass das Kästen seien auf denen die Bürgerinnen und Bürger lesen und in die sie reinsprechen könnten. Erschrocken blicken wir ihn an, zweifelnd, ob unser Schreiberling noch ganz bei Sinnen ist. Warum sollten unsere Untertanen mit kleinen Kästen statt mit uns, ihrem Kaiser sprechen?

Unser Schreiber rollt mit den Augen. Das wirkt in unseren Augen ein wenig despektierlich. Sollte er abgenervt sein, ob unseres Wissensdurstes?

Er klärt uns auf, dass unser Minden hier sehr fortschrittlich sei. Im ganzen Reich spreche man davon, dass hier, in unserer Stadt an der Weser, Geschichte geschrieben werde. Wir antworten darauf, dass das selbstverständlich sei, denn schließlich seien wir ja in der Stadt.

Unser Schreiber erwidert, ohne uns widersprechen zu wollen, es handele sich um eine andere Form der Geschichte. Im Jahr unserer Rückkehr nach Minden und im inzwischen nun erreichten 21. Jahrhundert spreche man von Digitalisierung. Die Bürgerinnen und Bürger sprächen nun häufig nicht mehr miteinander, sondern nutzten kleine und große Kästen, um dadurch miteinander zu reden, oder auch Informationen über uns, Kaiser Karl den Großen, abzufragen.

Nachdenklich fassen wir an unsere Kaiserkrone und fragen uns, warum die Menschen in Minden erst Kästen befragen müssen, um zu erfahren, wer wir sind. Doch unser Berater beruhigt uns. Das sei alles sehr gut, weil es neben uns noch viele andere Herrscher zwischen Orient und Okzident gäbe und so die Bürger von Minden genau erfahren würden, wie bedeutend wir seien.

Und in Minden komme eben noch hinzu, dass die Menschen hier in der Innenstadt drahtlos und vor allem kostenlos alle Informationen mit ihren kleinen Kästen, die man Smartphone nenne, abrufen könne. Dabei zeigt unser Schreiber auf eine Schrifttafel, auf der in großen Lettern „freies WLAN“ steht. Das sei das Zauberwort, so unser Berater, der normalerweise nicht an Magie glaubt.

Das ganze Land spreche inzwischen darüber, dass die Menschen hier in diesem Quartier nichts für das Lesen und Schreiben auf kleinen Geräten bezahlen müssten. Und wir sollten doch mal überlegen, ob das für unsere Pfalzen in Aachen und Paderborn nicht auch interessant wäre, so unser Berater.

Wir müssen gestehen, dass wir doch noch ein wenig skeptisch sind. Zumal, als wir von unserem Schimmel herabblickend sehen, dass ein Mensch sein kleines Kästchen in Richtung Boden hält. Dort ist ein Quadrat in das Pflaster eingelassen, in dem viele kleine schwarze und weiße Quadrate enthalten sind. Wir fragen unseren Schreiber, was der Untertan dort treibe. Schulterzucken.

Wir steigen also von unserem Schimmel, der inzwischen ums Maul herum nicht mehr blass, sondern ganz normal weiß ist und fragen den Mann, was er dort mache. Der blickt uns erstaunt an und stottert vor lauter Aufregung, dass wir, Kaiser Karl, vor ihm stehen, er komme von weit her und informiere sich gerade über Minden.

Wir vermuten, dass er uns nicht ganz ernst nimmt. Und wir überlegen schon, wie viel Tage Kerker er dafür bekommen sollte.

Doch dann merkt er, dass wir verärgert sind und bittet um Entschuldigung. Er erklärt uns, dass er mit seinem Kasten namens Smartphone das Quadrat im Boden, das er kryptisch QR-Code nennt, anvisiert hat und jetzt auf seinem kleinen Gerät viele Informationen über unser Minden lesen könne. Er hält den Kasten vor unser Gesicht – und tatsächlich, dort sehe ich Buchstaben und ein Bild vom Dom.

Fast hätten wir unseren Untertan unsere Begeisterung spüren lassen, konnten uns dann aber noch zurückhalten. Das werden wir unseren Reisetagebuchschreiber genau und ausführlich notieren lassen, was hier in Minden ausstrahlende Wirkung auf unser ganzes Reich hat. Und das gibt noch ein Sternchen für unsere Stadt in unserem Tagebuch – dieses Mal für gute Ideen.

Unterzeichnet

Carolus Magnus – Karl der Große am Tage des Herrn den 23. Februar des Jahres 2016

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