Von Marmor und Brücken

KW6GlacisbrueckeUnglaublich. Nachdem unser kaiserlicher Allerwertester sich vom langen Ritt der vergangenen Woche nach Minda – oh, t‘schuldigung, wir meinten natürlich Minden - erholt hat, machten wir uns auf hinunter zur Weserfurt. Jener Stelle im reißenden Fluss, die sich nach Erkenntnis unseres Geographen einigermaßen ungefährlich überqueren ließe.

Und ich kann nur noch einmal sagen: unglaublich! Denn was sehen unsere kaiserlichen Augen als wir am Ufer stehen? Brücken, überall Brücken. Trockenen Fußes könnten wir, wenn wir uns trauten, die Weser überqueren. Doch welch wilde Horden erwarten uns auf der anderen Seite? Mit Widukind haben wir das ja alles geregelt, aber welche Volksstämme verstecken sich noch in den Wäldern im Osten? Doch darum werden wir uns ein anderes Mal kümmern.

Jedenfalls waren wir beeindruckt als wir die Flussquerungen aus Stein und Eisen entdeckten. Und vor allem sind wir immer noch beeindruckt davon, wie viele Untertanen sich über diese Brücken bewegen. Dabei hat unser Minden doch nur so etwa zwanzig mal Hundert Bewohner – oder sind das inzwischen mehr?

Als wir einen Untertanen auf die Bauwerke ansprechen, berichtet der von einem interessanten Vorfall. Vor einigen Jahren habe man in unserem Minden eine Brücke bauen wollen, die nur für Menschen gedacht ist, die sich ausschließlich mit ihren Füßen fortbewegen (ganz ohne jegliches Fuhrwerk). Glacisbrücke sollte die heißen. Ein komisches Wort – Glacis.

Jedenfalls hätten die Bürgerinnen und Bürger laut protestiert wegen des geplanten Baues. Das sei viel zu teuer. Man könne die Münzen gleich in den Fluss werfen. Unnütz sei das. Der Meister der Bürger wolle sich nur ein Denkmal setzen.

Kennen wir alles. Als wir damals unseren Dom in Aachen mit Marmor auszukleiden begannen, lief das gemeine Volk auch Sturm gegen unser Vorhaben. Und heute: tausende Menschen drängen sich jeden Tag in dem Gotteshaus. Vor allem aber auch, um unseren steinernen Thron zu sehen.

Na, gut – vergessen sind die Streitereien. Denn in unserem Minden scheint es genauso gewesen zu sein. Nachdem sich die neue Brücke leicht wie ein Bogen über die Weser spann, seien unsere Untertanen nur über das Bauwerk gelaufen, um einmal darüber zu laufen. Sagt der Bürger, und berichtet: Heute würden die gleichen Bewohner Mindens Beschwerde führen, wenn diese Glacisbrücke für einen Tag wegen Bauarbeiten gesperrt würde. Komisch sind unsere Untertanen manchmal. Dabei gibt ein solches Bauwerk diesem ganzen Gebiet doch Atmosphäre, hat mein Reisetagebuch-Schreiber gestern Abend meine Worte notiert.

Seltsam fanden wir nur, dass, als wir uns in Richtung der Stadt umdrehten, diese nur ganz schemenhaft sehen konnten. Wir sind uns nicht sicher, ob das an unseren alten, müden Augen lag. Da werden wir noch einmal in unserer schönen Herberge, die ganz viele Sterne an der Mauer hat, darüber nachdenken.

Unterzeichnet

Carolus Magnus – Karl der Große am Tage des Herrn den 9. Februar des Jahres 2016


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